Harmoniesuchtverhalten

Harmoniesüchtige Chefs ordnen ihrem Wunsch nach Beliebtheit und ihrem Hunger nach Anerkennung alles andere unter. Der Harmoniewall, den sie errichten, umschließt jeden einzelnen Mitarbeiter. Offenheit, Kreativität und konstruktive Auseinandersetzung bleiben so auf der Strecke. Konflikte werden verdrängt und verschleppt. Unter dem Deckel der Harmonie gärt es dabei mindestens so sehr wie bei Loriots Familie Hoppenstedt unter dem Weihnachtsbaum. Und genau wie dort endet die ganze Harmoniesucht bei vielen Familien und Unternehmen oft genug in Chaos und Streit. Wie oft habe ich bei Mittelständlern zum Beispiel schon erlebt, dass der überfällige Generationswechsel vom Seniorchef zum Juniorchef auf die lange Bank geschoben wird. Alle wollen es dem "Alten" recht machen. Niemand will den Senior kränken oder ihn in seiner Selbstherrlichkeit stören. Lieber wartet man auf die Krise, die dann endlich zum Handeln zwingt. Alle finden sich toll im Unternehmen der Gutmenschen. Doch wo die Chefs den Versuchungen einer Führungskraft erlegen sind, da gibt ihr Egoismus den Ton an. Da verhindert ihr Narzissmus das, was eigentlich einzige Aufgabe einer Führungskraft ist: durch Menschenentwicklung die Selbständigkeit und Wirkung jedes Einzelnen ständig zu erhöhen, damit sich auch Wirkung und Wertschöpfung des Unternehmens ständig steigern können. Natürlich würden die einzelnen Mitarbeiter dadurch auch unabhängiger werden. Gut für den Unternehmenswert. Schlecht für den Egotrip des Chefs. Eine der Hauptversuchungen für Führungskräfte besteht darin, den natürlichen Wunsch des Menschen nach Harmonie höher zu gewichten als die Notwendigkeit der Entwicklung. Harmoniesucht führt jedoch zu Duckmäusertum und produziert Bewunderungsgartenzwerge. Nur konstruktive Auseinandersetzungen sorgen für Weiterentwicklungen. Harmonie ist das Ziel, ja. Aber die Harmonie, die nach der notwendigen Auseinandersetzung kommt. Eine mit der Harmoniesucht eng verwandte Versuchung für Führungskräfte ist die Sucht, gemocht und gebraucht zu werden, statt Mitarbeiter in die Verantwortung zu führen. Wer - unbewusst - daran arbeitet, bei seinen Mitarbeitern beliebt zu sein, der führt sie in die Abhängigkeit. Es ist nicht die Aufgabe von Führungskräften, Mitarbeiter so zu behandeln, wie diese es gerne hätten oder wie es der Führungskraft selbst angenehm wäre. Es ist die Aufgabe von Führungskräften, Mitarbeiter so zu behandeln, dass sie sich entwickeln. Wer aber die Weiterentwicklung von Menschen will, kommt um die konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen nicht herum. Die Gutmenschen unter den Führungskräften in Unternehmen schrecken davor zurück. Ihr Credo lautet: Wir sind alle eine große Familie; wir haben uns alle lieb. Alle sind freundlich, niemandem kommt ein böses Wort über die Lippen. Es will auch keiner Bote schlechter Nachrichten sein und dafür aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Keine Frage, wir alle streben nach Harmonie. Niemand will Streit. Doch das Kuschelunternehmen ist auf schwankendem Grund gebaut. Hinter jeder verschleppten Insolvenz steckt Harmoniesucht: der Wunsch, der Realität nicht ins Auge zu sehen. Hinter jeder. (aus "Diktatur der Gutmenschen", Boris Grundl)

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